Koronarspasmus unter Carboplatin (Aus der UAW-Datenbank)

Carboplatin ist ein Zytostatikum, das wie das verwandte Cisplatin durch die Vernetzung von DNS-Strängen die Zellteilung hemmt. Es ist unter anderem indiziert zur Behandlung von fortgeschrittenen Ovarial- und Bronchialkarzinomen (1). Im Vordergrund der unerwünschten Arzneimittelwirkungen von Carboplatin steht die dosislimitierende Myelosuppression mit einer Thrombozytopenie bei etwa einem Drittel der Patienten. Carboplatin ist insgesamt weniger nephrotoxisch als Cisplatin. Sehr häufig werden Übelkeit und Erbrechen beobachtet, die auf Antiemetika gut ansprechen und durch sie auch weitgehend verhindert werden können. Die Häufigkeit peripherer Neuropathien wird mit 4 % angegeben. Bei etwa 15 % der Behandelten werden subklinische Hörstörungen im Hochtonbereich beobachtet, etwa 1 % entwickeln klinische Symptome, zumeist als Tinnitus (2).

Der AkdÄ wurde von einer 68-jährigen Patientin berichtet (AkdÄ-Fallnr. 151955), die wegen eines metastasierten Ovarialkarzinoms eine Chemotherapie mit 450 mg Carboplatin und 260 mg Paclitaxel erhalten hat. Als Prämedikation wurden jeweils 1 mg Granisetron, 8 mg Dexamethason, 2 mg Clemastin und 200 mg Cimetidin verabreicht. Bei der ersten Gabe wurde die Kombination problemlos vertragen. Bei einer zweiten Gabe drei Wochen später wurde die Patientin zehn Minuten nach Beginn der Infusion von Carboplatin kollaptisch, zeigte ein kurzes Krampfäquivalent und klagte über Thoraxschmerzen. Im EKG fand man eine Bradykardie mit ST-Strecken-Hebungen über der Hinterwand. Laborchemisch waren keine Infarktzeichen nachweisbar (CK normwertig, Troponin T negativ). Die EKG-Veränderungen waren kurze Zeit später zurückgebildet. Bei der dritten Verabreichung, die bis auf eine Erhöhung der Dexamethasondosis auf 16 mg unverändert war, kam es zwei Minuten nach Beginn der Carboplatininfusion zu einem Blutdruckabfall und zerebralen Krampfanfall. Im EKG fand man erneut ST-Strecken-Hebungen über der Hinterwand (siehe Abbildung). Alle Veränderungen bildeten sich innerhalb kurzer Zeit ohne Residuen zurück.

Grafik

EKG-Befund des Patienten beim zweiten Auftreten eines Koronarspasmus mit ST-Strecken-Hebungen in den Hinterwandableitungen

Der berichtende Arzt vermutet als Ursache aufgrund des klinischen Bilds und der passageren EKG-Veränderungen eine Myokardischämie infolge eines koronaren Vasospasmus, auch wenn keine invasive Diagnostik zum Beleg nichtstenosierter Koronargefäße durchgeführt wurde. Das zweimalige Auftreten in unmittelbarem zeitlichem Zusammenhang mit der Infusion von Carboplatin macht einen kausalen Zusammenhang sehr wahrscheinlich. Die Lokalisation der passageren ST-Strecken-Hebungen und die Bradykardie mit Blutdruckabfall legen eine Beteiligung der rechten Koronararterie an typischer Stelle nahe. Ob bei der Patientin eine koronare Herzerkrankung vorlag, ist nicht bekannt. Bemerkenswert ist, dass sie die gleiche Chemotherapie einige Jahre zuvor komplikationslos vertragen hatte.

Myokardiale Ischämien und Infarkte sind für eine Reihe von Zytostatika beschrieben worden (3, 4). Über zytostatikainduzierte Koronarspasmen existieren Berichte im Zusammenhang mit 5-Fluorouracil, Capecitabin und Cyclophosphamid (5-7). Japanische Autoren publizierten den Fall einer vasospastischen Angina bei einem Patienten ohne koronare Herzerkrankung nach Chemotherapie mit Carboplatin und Etoposid wegen eines Bronchialkarzinoms (8), und es gibt einen weiteren Fallbericht zu einem Koronarspasmus im Zusammenhang mit der Gabe von Carboplatin und Cyclophosphamid (9). In der Datenbank des deutschen Spontanmeldesystems (gemeinsame Datenbank vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte, BfArM, und der AkdÄ) sind 3126 Verdachtsberichte unerwünschter Arzneimittelwirkungen zu Carboplatin erfasst. Unter den kardialen Reaktionen findet man Fälle zu pectanginösen Beschwerden bzw. Brustkorbschmerzen, myokardialen Ischämien und Herzrhythmusstörungen es gibt jedoch keinen weiteren Fall, in dem explizit "Koronarspasmus" als unerwünschte Arzneimittelwirkung genannt wird. In der Fachinformation von Carboplatin sind kardiovaskuläre Ereignisse wie Herzinsuffizienz und Embolien unter den sehr seltenen Ereignissen aufgeführt (1).

Die AkdÄ möchte anhand des vorliegenden, gut dokumentierten Falls auf einen Koronarspasmus als vermutlich sehr seltene, aber im Einzellfall bedrohliche Komplikation einer Zytostatikatherapie aufmerksam machen.

Bitte teilen Sie der AkdÄ alle beobachteten Nebenwirkungen (auch Verdachtsfälle) mit. Sie können dafür den Berichtsbogen verwenden, der regelmäßig im Deutschen Ärzteblatt abgedruckt wird oder über die Homepage der AkdÄ abrufbar ist. Es besteht auch die Möglichkeit, über www.akdae.de direkt online einen UAW-Verdachtsfall zu melden.


Literatur

  1. Ratiopharm GmbH: Fachinformation "Carboplatin-ratiopharm® 10 mg/ml". Stand: Februar 2008.
  2. Ludwig W-D: Platinverbindungen. In: Müller-Oerlinghausen B, Lasek R, Düppenbecker H, Munter K-H (Hrsg.): Handbuch der unerwünschten Arzneimittelwirkungen. München, Jena: Urban & Fischer, 1999; 534-6.
  3. Shahab N, Haider S, Doll DC: Vascular toxicity of antineoplastic agents. Semin Oncol 2006; 33: 121-38.
  4. Yeh ET, Tong AT, Lenihan DJ et al.: Cardiovascular complications of cancer therapy: diagnosis, pathogenesis, and management. Circulation 2004; 109: 3122-31.
  5. Kleiman NS, Lehane DE, Geyer CE Jr. et al.: Prinzmetal's angina during 5-fluorouracil chemotherapy. Am J Med 1987; 82: 566-8.
  6. Schnetzler B, Popova N, Collao LC, Sappino AP: Coronary spasm induced by capecitabine. Ann Oncol 2001; 12: 723-4.
  7. Stefenelli T, Zielinski CC, Mayr H, Scoheithauer W: Prinzmetal's angina during cyclophosphamide therapy. Eur Heart J 1988; 9: 1155-7.
  8. Yano S, Shimada K: Vasospastic angina after chemotherapy by with carboplatin and etoposide in a patient with lung cancer. Jpn Circ J 1996; 60: 185-8.
  9. Chasen MR, Ebrahim IO: Carboplatin hypersensitivity presenting as coronary vasospasm - a case report. Cancer Chemother Pharmacol 2002; 50: 429-31.


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