Risiko von venösen Thromboembolien bei Einnahme von kombinierten oralen Kontrazeptiva, die Drospirenon enthalten (z. B. Yasmin®, Petibelle®)
Die Bewertung von zwei aktuellen Studien (1;2) durch die europäische Arzneimittelbehörde (European Medicines Agency, EMA) hat zu einer veränderten Einschätzung des Risikos von venösen Thromboembolien (VTE) bei Einnahme von Drospirenon-haltigen oralen Kontrazeptiva geführt (3;4). Aufgrund der neuen Daten wird das VTE-Risiko unter diesen Präparaten höher als bisher eingeschätzt und liegt vermutlich zwischen dem Risiko bei Einnahme von kombinierten oralen Kontrazeptiva (KOK) der zweiten Generation (Levonorgestrel + Ethinylestradiol) und der dritten Generation (Gestoden oder Desogestrel + Ethinylestradiol). Die aktuellen Daten sollen in die Produktinformationen Drospirenon-haltiger Kontrazeptiva aufgenommen werden.
Das Risiko von idiopathischen venösen Thromboembolie (VTE) ist bei Einnahme eines KOK gegenüber der Nichteinnahme erhöht. Bei Frauen im Alter von 15 bis 44 Jahren, die kein KOK einnehmen, werden 5 bis 10 VTE pro 100.000 Frauen pro Jahr erwartet. Bei Einnahme eines KOK erhöht sich das Risiko in Abhängigkeit von der verwendeten Kombination auf 20 (bei KOK der zweiten Generation: Levonorgestrel + Ethinylestradiol) bzw. 30 bis 40 VTE pro 100.000 Frauen pro Jahr (bei KOK der dritten Generation: Gestoden oder Desogestrel + Ethinylestradiol). Demgegenüber geht man bei Schwangeren von 60 VTE pro 100.000 Schwangerschaften aus.
In Deutschland sind seit dem Jahr 2000 KOK verfügbar, die zusätzlich zu Ethinylestradiol das Gestagen Drospirenon enthalten. Im Jahr 2008 wurden 69,3 Mio. Defined Daily Doses (DDD) von Drospirenon-haltigen KOK verordnet. Dabei war ein deutlicher Zuwachs von fast 20 % bei dieser Gruppe gegenüber dem Vorjahr zu verzeichnen, während die Verordnungen von hormonalen Kontrazeptiva insgesamt weitgehend konstant geblieben sind (5).
Drospirenon ist wie Spironolakton ein Carbolakton und verfügt neben antiandrogenen auch über schwache aldosteronantagonistische Eigenschaften. Ob die natriuretische Wirkung von Drospirenon der Östrogen-induzierten Natriumretention entgegenwirkt und so eine Gewichtszunahme unter hormoneller Kontrazeption verhindern kann, ist jedoch fraglich (5).
Aufgrund der im Jahr 2007 veröffentlichten Ergebnisse von zwei großen prospektiven Kohortenstudien (EURAS- und Ingenix-Studie) war man bislang davon ausgegangen, das das VTE-Risiko unter den neueren Drospirenon-haltigen KOK vergleichbar ist mit dem Risiko unter anderen KOK mit ähnlichem Östrogenanteil und insbesondere Levonorgestrelhaltigen Präparaten (6;7). Eine dänische Kohortenstudie und eine niederländische Fall-Kontroll-Studie aus dem letzten Jahr ergaben jedoch Hinweise auf ein höheres Risiko, das wahrscheinlich zwischen dem Risiko von KOK der zweiten Generation (Levonorgestrel + Ethinylestradiol) und der dritten Generation (Gestoden oder Desogestrel + Ethinylestradiol) liegt (1;2). Ob Drospirenon aufgrund seiner fraglichen gewichtsreduzierenden Eigenschaften vermehrt übergewichtigen Frauen mit potentiell erhöhtem Thromboserisiko verordnet wurde und so zu einer Verzerrung der Ergebnisse geführt hat, kann anhand dieser Studien nicht beurteilt werden. Die Ergebnisse der Bewertung durch die EMA werden in die Produktinformationen der entsprechenden Präparate aufgenommen. Die aktualisierte Bewertung des Risikos von venösen Thromboembolien sollte in die Aufklärung der Patientinnen über Nutzen und Risiko der hormonellen Kontrazeption sowie in die individuelle Entscheidung über das Präparat einfließen.
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© Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft Letzte Änderung: 26.04.2010